Weil wir eine Bewegung sind: Zu Besuch im Vintage Velo.

Die Tür steht an diesem sonnigen Morgen bereits offen, während Martin entspannt eine Zigarette raucht und einen Kaffee für uns zubereitet. Sein Radladen an der Merseburger Straße ist beim Vorbeifahren schnell zu übersehen doch der Schriftzug „Vintage Velo“ und die markanten Schmuckstücke im Schaufenster bleiben dann doch in Erinnerung. Es wird also endlich mal Zeit, um in die Welt der Vintage Bikes einzutauchen. Richtige Öffnungszeiten gibt es nicht. Der individuelle Fahrradbauer und gelernte KFZ-Meister öffnet seine Tür jederzeit für Termine oder eben dann, wenn er selbst bis in die Nacht schraubt. Aus der persönlichen Vorliebe von Martin zu all den historischen Fahrrädern entstand vor zwei Jahren der Vintage Velo-Fahrradladen. Ein klassischer Radladen ist es in dem Sinne auch gar nicht. Du kaufst kein Fahrrad von der Stange oder bekommst auch nicht direkt eine Reparatur angeboten, sondern bekommst ein einzigartiges Bike angefertigt, dass du in dieser Stilrichtung haben willst. Selbstverständlich deiner Körpergröße und Vorlieben entsprechend. Wünsche für Farbkombinationen und spezielle Bauteile werden nach dem „Go!“ gern erfüllt.

we ride leipzig-magazin-fahrradkultur-vintage velo0.jpg
we ride leipzig-magazin-fahrradkultur-vintage velo2.jpg

Alte Sachen liegen Martin am Herzen. In seiner Werkstatt im Norden von Leipzig schraubt er an Oldtimern und alten Motorrädern. Mit 12 Jahren, kurz nach der Wende, begann eigentlich alles mit den alten DDR-Drahteseln, erzählt der Urleipziger. Die Klappräder waren der Ursprung für seine Leidenschaft. „Kohle für BMX-Räder war einfach nicht da, also sind wir mit den Klapprädern rumgesprungen bis sie platt waren“, lacht er. Von Fahrrädern ging es weiter zu Motorrädern, zu Pkws, zur Selbstständigkeit und wieder zurück zu Fahrrädern. Ein Freund von Plastik war er noch nie. Die Qualität der Komponenten, die seit über 80 Jahren bestehen, ist unschlagbar. „Sie wurden gebaut, um zu halten! Ohne Sparwahn. Dass sie immer noch halten, spricht einfach für die Räder“, schmunzelt er. Natürlich bedarf es ein wenig Restaurationsarbeit, wenn die Vintage Bikes lange unbenutzt auf Schrottplätzen, Flohmärkten und ebay Kleinanzeigen auf neue Besitzer*innen warten. Es kommt auch nicht selten vor, da spaziert ein älterer Herr zur Tür herein, der unbedingt noch einen alten DDR-Rahmen loswerden will. So in diesem Moment auch geschehen. „Ich habe da mal noch einen Fahrradrahmen, könnt ihr den gebrauchen?“, heißt es da nur. Den nimmt Martin natürlich gern in Empfang. Er wird sich wunderbar zwischen Modelle von Diamant, Escona, Mifa und Wanderer einreihen. Sehr viele westdeutsche Vorkriegs, ostdeutsche Nachkriegs und tschechische Produktionen aus den 20er und 30er Jahren lassen sich in seinem Fundus finden. Besonders beliebt sind zurzeit die 80er Jahre DDR-Räder in sämtlichen Farben. Eine Unterscheidung zwischen Herren- und Damenrädern wird dabei nicht getroffen. Ganz allein auf den eigenen Geschmack kommt es bei den Vintage Velos an. Untereinander wird sich im Viertel auch ausgeholfen, wenn die Kundenwünsche doch mal offenbleiben sollten. „Wir sind alle Dudes und schieben uns bei speziellen Sachen gern die Aufträge zu“.

we ride leipzig-magazin-fahrradkultur-vintage velo3.jpg
we ride leipzig-magazin-fahrradkultur-vintage velo4.jpg

Zusammenhalt ist wichtig. Vor allem dann, wenn man sich hier in der Gegend wie Zuhause fühlt. Martins Traumkunde würde wahrscheinlich sagen: „Einmal alles!“ Aber eigentlich macht es ihn schon glücklich, wenn Touristen oder auch neugierige Besucher*innen in den Laden kommen und die Begeisterung für die alten Schmetten mit ihm teilen können. In jedem Rad stecken mindestens fünf Stunden Arbeit. Manchmal auch zwölf Stunden. Anstatt den Fernseher abends anzuschmeißen, sitzt Martin lieber in seinem Laden und bastelt so lang er Lust hat. Wenn die Kunden seine Arbeit am Ende wertschätzen und ihm weitgehend freie Hand lassen, ist er glücklich. Aber auch abseits der Technik grübelt er auch oft über den Radverkehr in der Stadt, wenn er von Connewitz bis nach Wiederitzsch fährt. „Die Fahrradfahrer sind wahnsinnig und überholen sich schon gegenseitig trotz Hindernissen. Alles ohne Schulterblick. Das macht mich langsam wirklich wütend“, erzählt er und plädiert für einen rücksichtsvollen Umgang miteinander. Hand raus, Schulterblick und aufeinander aufpassen. Wenn dann noch jemand am Vintage Velo-Laden vorbeifährt: Unbedingt anhalten!

Vintagevelo Leipzig
Fahrradkonfektionär
Weißenfelser Str. 47
04229 Leipzig

Tel: 0178 718 73 97
Mail: vintagevelo-leipzig@web.de
Web: vintagevelo-leipzig.com

RadladenRobert Strehler