Das Leben hat seine eigenen Pläne. Allein in Afrika.

„Ich will hinaus, will mich spüren, möchte Grenzen überschreiten, staunen und dem Unbekannten begegnen, aus eigener Kraft die Welt erfahren und meinen eigenen Rhythmus finden. Jeder Moment ist neu, jeden Tag bin ich anderswo.“

Anselm in Leipzig

Anselm in Leipzig

Als an einem Sonntagabend völlig unverhofft das Telefon klingelt, hätten wir mit keiner Wimper daran gedacht, dass wir noch mitten in der Nacht auf dem hellbeleuchteten Augustusplatz stehen und uns der Hamburger Anselm mit seinem schwer bepackten Reiserad und einem breiten Grinsen entgegenrollt. Vor wenigen Wochen sahen wir seinen Film „Anderswo. Allein in Afrika“ in einem kleinen Leipziger Kino und haben zum ersten Mal von seiner Reise quer durch Afrika gehört.

Die Fakten lauten: 414 Tage, 15.000 Kilometer und 15 Länder. Von Süden nach Norden durchquert er Afrika. Er passiert Sambia, Malawi, Tansania, Burundi, Ruanda, Uganda, Kenia, Äthiopien, Sudan und Ägypten – Tritt für Tritt, um den Herzschlag des Kontinents zu spüren, eigene Grenzen zu sprengen und sich selbst dabei zu finden. Er ist nah bei den Menschen. Aber er ist allein. Seine Reise begann 2015 und liegt mittlerweile schon viele Jahre hinter ihm. Mit dem ersten Wort erzählt er in der gleichen warmen Stimmlage, die wir aus seinem Film kennen. Er ist sofort mittendrin und nimmt uns an diesem späten Abend nochmal mit auf seine Reise. Raus aus Leipzig. Rein in die windige und kochend heiße Kalahari-Wüste. Warum es so leicht fällt ihm dabei zu folgen und er an jedem Punkt in den 110 Minuten Spielzeit so unglaublich authentisch und nahbar wirkt? Er erzählt einfach permanent in einer Art Monolog, wie er sich zu jedem Zeitpunkt fühlt. Er hat sprichwörtlich keine Ahnung, wohin die Reise geht, ab dem Zeitpunkt als ihn seine zwei Reisebegleiter unerwartet verlassen. Erst ab diesem Punkt beginnt eigentlich Anselms Reise durch Afrika, denn er muss sich quälende Stunden lang mit der Frage auseinandersetzen: Trete ich ebenfalls die Heimreise an oder fahre ich allein weiter durch die Wüste? Er wagt das Ungewisse und nimmt den Fahrtwind wieder auf. Ob die Reise nach einer Woche, nach einem Monat oder auch morgen schon vorbei ist, weiß er nicht. Er lässt alles zu. Er lässt zu, dass dieser gewaltige Kontinent ihn für die nächsten Monate verschluckt und sich in seiner gesamten Schönheit zeigen kann. Wir lächeln leise, denn wir erinnern uns an die Bilder.

(c) by Anselm Pahnke

(c) by Anselm Pahnke

Die einzige Sicherheit, die er wahrhaftig spürt, ist das Filmen und Festhalten besonderer Momente. Er hält die ergreifenden Momente fest damit sie nicht verloren gehen. Das aus diesem Material jemals ein Film entstehen sollte, hatte er nie geplant. Dass diese Reise überhaupt so ausgeht, hatte er niemals geplant. Anselm ist es in seiner Heimatstadt Hamburg gewohnt gewesen Dinge immer in Gesellschaft zu unternehmen und verspürte großen Respekt davor allein mit sich zu sein. Vielleicht auch nicht verwunderlich mit vier Geschwistern. Sein Alltag war immer so geplant, dass ihn Menschen umgeben haben ohne sich zu eng zu binden. Die Reise nach Afrika kam somit auch erst zustande als er zwei Berliner für diese Idee begeistern konnte. Sie sind ihm völlig fremd aber sie sind reiseerfahren und haben Bock. Das reicht. Warum ausgerechnet Afrika? Anselm will dorthin, wo er am wenigsten von weiß und alles selbst erkunden. Als studierter Geophysiker und Ozeanograph verspürt ein besonderes Interesse. Afrika fasziniert ihn schon seit vielen Jahren. Er will wissen, wo die Wiege der Menschheit entsprungen ist und wie es diese riesigen Landmassen zusammenhält. In Kapstadt angekommen, ruft er bei seinen Eltern an. „Ich bin jetzt in Afrika“. Das wusste bis zu dem Zeitpunkt keiner. Aus den drei Monaten zwischen Bachelor- und Masterstudium wird ein halbes Jahr, ein ganzes Jahr und dann sogar letztendlich drei Jahre. Er wollte nicht planen, sondern einfach darauf losfahren oder auch eine Zeit lang die Menschen vor Ort kennenlernen. Ohne aufgeladene Sorgen von Zuhause. Ohne Stress im Nacken. Ohne unnötigen Besitz. Sein eigenes Fahrrad spielt auf dieser Reise nicht die zentralste Rolle für Anselm, was uns durchaus erstaunt. Von einer festen Bindung zu seinem Drahtesel spricht er nicht. „Ich bin auch nicht der Typ, der sagt, dass er Fahrradfahren liebt. Ich finde es nur genial, um Dinge miteinander zu verknüpfen. Es ist ein Transportmittel, bei dem wir als Mensch extrem spüren, welche Strecke wir zurückgelegt haben und uns nahbar zeigen! Wir spüren die Natur, sind in Staub gehüllt und lächeln. Man kann fast schon sagen, wenn man aufs Fahrrad steigt, fühlt man sich Zuhause“. Die Liebe hängt nicht an dem Metall. Sein Rad hätte er getauscht. Aber vielmehr ist es dieser Moment, wenn du in den tiefen Wüstensand fährst und dir selbst vertrauen musst, dass du da allein wieder rauskommst, erzählt er. Diese Anspannung aller Sinne bis zu dem Punkt, dass du es geschafft hast, zeichnet den Lebenswert aus. Auf sich selbst gestellt zu sein, ohne doppelten Boden und sich aus eigener Kraft hoch zu kämpfen, ist eine Art von Glück, die Anselm intensiv auf dieser Reise gespürt hat. Von absolutem Glück, wie wir es häufig im Alltag gebrauchen, spricht Anselm nie.

(c) by Anselm Pahnke

(c) by Anselm Pahnke

Umso mehr er sich von Sicherheiten, wie zum Beispiel einer Reiseversicherung getrennt hat, umso tiefer konnte er in das Gefühl von Freiheit und Unabhängigkeit eintauchen. Lustigerweise begegnet er dem Glück genau dann, wenn er am wenigsten darüber nachdenkt und einfach nur sein darf. Das Rad gibt ihm seinen vertrauten Rhythmus vor. Jeder Radfahrende weiß, welcher Klang gemeint ist. Fernab der üblichen Reiserouten, ohne Windschutzscheibe oder Begleitung entstehen unmittelbare und bewegende Begegnungen mit der Natur und herzlich lachenden Menschen unterschiedlichster Kulturen. Wir versuchen Anselm nach dem schönsten Moment der Reise zu befragen aber wissen schon jetzt, dass die intensiven Erfahrungen sich kaum in eine Reihe stellen lassen. „Würde ich einen Moment herausstellen, würden alle anderen kleiner werden. Ich bewerte nicht“. Genauso ähnlich verhält es sich auch mit unangenehmen oder vielleicht auch gefährlichen Situationen während der Reise, denken wir da an die Zweifel zu Beginn, nächtliche Begegnungen mit Löwen und Nilpferden, mehrfache Malaria- und Typhus-Erkrankungen, gefälschte Pässe und Raubüberfälle durch uniformierte Ranger. Anselm lernt, dass die Geschenke und die Entscheidungen des Lebens zum Flow dazugehören und niemand sie beeinflussen kann. So entscheidet er sich eben auch dazu, als er kurz vor dem Suez-Kanal vom ägyptischen Militär verhaftet wird, das Filmen zu beenden. Zehn Tage danach. Ab diesem Moment filmte er seine Reisen nicht mehr. Die Reise durch Afrika beendet er und zieht inspiriert von einem großen, schneebedeckten Berg, dem Pamir, weiter in den Nahen und Mittleren Osten, durch China und über den Himalaya nach Südostasien bis nach Sydney. Aus der Idee ein paar Monate zu reisen, wurden so mehrere Jahre und die Welt sein Zuhause. „Es ist ein Kommen und Gehen. Alle Momente haben eine Komponente von Sprache und Emotionen. Egal, wem ich begnet bin. Die Emotion bleibt. Wofür soll ich dann filmen? Ich habe die Kamera an einem Tag aus und nie wieder angemacht.“ Stattdessen schießt er ein Foto. Mit einem Versuch. Mehr gibt es nicht.

(c) by Anselm Pahnke

(c) by Anselm Pahnke

Die vielleicht härteste Challenge steht Anselm jedoch erst nach drei Jahren auf dem Rad bevor: Die Rückkehr nach Hause. Der vielleicht wichtigste Teil der Reise, wenn alle Erwartungen und Ängste wieder aufeinanderprallen und gleichzeitig die Sehnsucht lockt. „Man muss eigentlich permanent darüber reden, wer man ist und, was man tut. Aber ich sage dann: Ich plane nicht. Ich habe keine Antworten“, beschreibt es Anselm. In seinen Fingern kribbelt es nicht mehr, wenn er das Rad sieht. Er sucht die Zerstreuung und tausend Möglichkeiten nicht mehr. Anselm wirkt angekommen und glücklich. Sein Glück ist mittlerweile der kleine Globus, in dem er sich bewegt. Das Vertrauen zu sich selbst. Die größte Errungenschaft seiner Reise – und wie das so ist mit Geschenken, nimmt Anselm das auch gern an.

Alles zum Film unter: https://www.anderswoinafrika.de/

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