Dlouhy Cycles: It’s not about bikes. It’s all about friendship.

Die Fahrräder breit vor sich aufgefächert. Mit hilfesuchendem Blick Richtung des kleinen Dorfes stehen Jan und Mario am Ortseingang irgendwo in Kroatien im Oktober 2017 und versuchen die wildgewordenen Hunde zurückzudrängen. Jetzt nur keine falsche Bewegung. Das Gebell der Hunde lockt eine ältere Dame ans Fenster. Endlich! Rettung ist in Sicht, denken sich die zwei Freunde. Doch sie schließt nur kroatische Schimpfwörter fluchend, verächtlich das Fenster. Jan und Mario sind wieder auf sich allein gestellt. Ungefähr in diesem Moment beschließen sie, wenn sie jemals wieder in Leipzig ankommen und nicht vom Wolf gefressen werden, ihre eigene individuelle Rahmenbau-Werkstatt zu eröffnen. Jetzt oder nie. In diesem kleinen Moment sagen wohl Blicke zwischen Freunden mehr als Worte.

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Dabei sollte diese Reise genau dazu dienen, um ihr zukünftiges Business zu durchdenken und den Startschuss zu geben. Bis zu der Szene in Kroatien arbeitet Jan als Entwickler bei einer großen, bekannten Rahmenbau-Firma und entwarf in 3D die Modelle, die für die kommende Saison gewünscht wurden. Massenproduktion eben. Nach vier Jahren kehrt er dem größten deutschen Fahrradhersteller den Rücken zu. Warum nicht mal was Eigenes starten? „Beim Fahrrad wollte ich aber immer bleiben!“, erzählt er. Mario hingegen lernt er schon vorher bei einem der abendlichen Bike-Polo-Spiele kennen und wusste von seiner kleinen, gut ausgestatteten Werkstatt mit Brenner und allen schweren Gerätschaften, die man für den Bau eines Rahmens benötigt. Er selbst stammt aus dem KfZ-Bereich und arbeitet lange Zeit in der Motorenentwicklung. Dieses Prinzip „etwas mit den Händen erschaffen“ bleibt. Den letzten Feinschliff vor dem Start der eigenen Firma holt sich Jan bei einem Rahmenbauer in Potsdam. Jetzt aber! Von der Großproduktion zur Einzelanfertigung mitten in Leipzig. Gemeinsam beschließen sie einfach mal ihre Idee umzusetzen. Beide kündigen ihre festen Jobs und wissen noch gar nicht so richtig, worauf sie sich einlassen. Nach einem halben Jahr Vorarbeit ist es tatsächlich so weit, dass Jan und Mario als „Dlouhy Cycles“ und Fahrradrahmen-Bauer auf der Erich-Zeigner-Allee 64b eine Werkstatt in dem riesigen Industriegebäude beziehen können und erstmal ihre Freunde mit den eigenen Rädern unter dem Arsch versorgen. „Ob sie nun wollen oder nicht. Wir wollen schließlich gesehen werden“, lacht Jan.

Fast täglich schauen Freunde und Freunde von Freunden in der Werkstatt auf einen Kaffee vorbei und erkundigen sich nach den neuesten Schmuckstücken. Aber genauso soll es auch sein. Die Jungs wollen mit ihrer Marke langsam wachsen. Es gibt keine festen Termine und keinen festen Deadlines. Es braucht seine Zeit und dafür auch ein dickes Fell. Die Brötchen und der nächste Obazda kommen schon irgendwie in den Kühlschrank. Mario ist zuversichtlich und entspannt. Jede Woche schon klopfen neue Radinteressierte an. An eine Großproduktion ist bei Dlouhy Cycles noch nicht zu denken. Viel lieber wollen sie sich austesten und mit Freunden gemeinsam arbeiten. Nur der ganze Bürokratie-Krieg darf gern der Arbeit am Metall weichen. Denn hier liegt ihre wahre Leidenschaft. Von Jan und Mario bekommt jeder genau diesen Fahrradrahmen, den er sich wünscht. Die Geometrie ist an die individuellen körperlichen Begebenheiten angepasst. „Sprich du möchtest ein Reise-Rad von uns haben. Dann schauen wir zuerst, welches Rad du fährst, was kommt dem Reise-Rad am nächsten. Dann messen wir dich und das Bike aus und entwickeln eine passende Geometrie dazu, die auch fahrbar ist. Diese Ästhetik unterscheidet uns natürlich von der Stangenware in Fahrradläden. Das Fahrrad sieht immer perfekt an dir aus. Das fängt bei der Geometrie an und hört bei Gewindeösen oder versteckten Dichtkabelverlegungen auf“, erklärt Jan. Bei Dlouhy bekommst du eben kein Rad von der Stange, sondern ein echtes Unikat mit Wiedererkennungswert. Diese Ästhetik und das Gespür, für ein auf den Kunden angepasstes Rad, haben sich Jan und Mario über viele Jahre hinweg antrainiert. „Das ist schließlich auch unsere Berechtigung als Rahmenbauer.“ Für die Lackierung hilft ein befreundeter Lackierer aus Chemnitz, der alles in gefühlt tausenden Entwürfen umsetzt und dabei auch gern mal out-of-the-box denkt. Diese hoch individualisierten Rahmen und Lackierungen sind der ausschlaggebende Punkt, warum jeder Fahrradliebhaber an die Tür von Dlouhy klopfen sollte. „So kann das funktionieren für uns“, lacht Jan. Der Name des Labels entstand im Übrigen aus seinem Nachnamen. Während der skizzierte frech blickende Comic-Vogel Marios Nachnamen entnommen ist.

Die Dlouhy Cycles Jungs bewegen sich am allerliebsten selbst auf den eigens hergestellten Rädern, natürlich auch jedes Mal ein Test an die eigene Arbeit, und im Kreis von aktiven Leipziger Fahrraddudes auf Touren, Radreisen oder zu einem Feierabendbier. Dazu zählt zum Beispiel die Sonntagsveranstaltung und das „Suppen Prestige“ Rennen, das es sich zur Aufgabe macht alle Radfahrer*innen, die Lust auf eine Tour zum Sonntag haben, zu vereinen. Die Strecke soll für jeden möglich sein und nicht nur die Sportlichsten in einer ausfahrtarmen Zeit motivieren. Alle können zusammenkommen, Fahrrad fahren und am Ende bei Dlouhy oder im Coco-Fahrradladen eine warme Suppe essen. Aus allen Himmelsrichtungen reisen die begeisterten Sonntagsfahrer*innen an und freuen sich auf einen freundschaftlichen Wettkampf. „Irgendeiner kommt immer zuerst ins Ziel aber alle anderen werden Zweiter! Die, die auf Sieg fahren, werden dann auch gern mal zum Rennen bewusst länger festgehalten. Es geht um nichts, sondern nur um den Spaß“, so sehen es Jan und Mario, die alle für das Rad begeistern und für Rennen animieren wollen. Besonders die Frauen. „Überall fahren nur Männer. Das ist doch zum Kotzen! Diesen elitären Anspruch soll das Suppen Prestige-Rennen auf jeden Fall nehmen. Einfach jeder soll mitfahren“. Wenn dann noch drei von sieben Bikes von Dlouhy stammen, blüht Jans Herz so richtig auf. Ungefähr so beschreibt er seinen schönen Moment in den letzten Wochen.

Yeah, do it! Für die Zukunft wünschen sich Jan und Mario irgendwann gefragte Rahmenbauer in ganz Deutschland zu werden und ein ausgefülltes Auftragsbuch, sprich sechs Rahmen pro Monat, vor sich liegen zu haben. Aber jetzt liegt das Kerngeschäft des Rahmenbaus erstmal im Fokus. Die Ideen für den nächsten Schritt haben sie schon in der Werkstatt-Schublade parat. „Wir sind so unendlich glücklich und zufrieden mit unserem selbstgebauten Rad, das wir in Nachtschichten noch extra für dieses eine Cross-Rennen angefertigt haben.“ Jan weiß, wenn dieses Rennen schiefgegangen wäre, hätte er die Idee fallen gelassen. Mit einem Kloß im Hals sitzt er im Sattel und weiß überhaupt nicht, was auf ihn zukommt. Das zweite Mal bereits. Mittlerweile hat er sein Dlouhy-Bike auf so vielen Touren hart rangenommen, dass er ein unumstößliches Vertrauen in ihre gemeinsame Arbeit gelegt hat, die die Rahmenbauer immer wieder beflügelt. Auf ihre Arbeit und auf einander können sie sich verlassen. Diesen Mut, das Unerschrockene auf neuen Wegen und das Strahlen in den Augen sehen wir. Jetzt beißt nochmal schnell in die Schnitte und zurück an die Werkbank!

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Dlouhy Cycles
www.dlouhy-cycles.com
Erich-Zeigner-Allee 64b
04229 Leipzig
info@dlouhy-cycles.com
Montag bis Freitag: 09-18 Uhr

RadladenRobert Strehler