Der Radgeber ist immer für dich da.

Es wird Zeit, um sich die Hände mal wieder richtig schmutzig zu machen. Wie früher als Mike von seinem Opa zum ersten Mal hört: „Zieh mal die Kette straff. Hier hast du einen Knochen!“ und sich der kleine Junge vor dem umgedrehten Fahrrad dachte: „Keine Ahnung!“. Irgendwann lernt jeder die Basics. Die Fahrrad-Selbsthilfewerkstadt „Radgeber“ empfängt seit zehn Jahren alle Studierenden der Leipziger Hochschulen und darüber hinaus aus alle Fahrradfreunde der Stadt auf 150qm, um ihre Fahrräder mit fachkundiger Hilfe zu reparieren, tunen oder besser kennenzulernen. Ganze zehn Werkplätze stehen an der Leplaystraße für die Reparatur kleiner und großen Pannen zur Verfügung. Alle zehn Arbeitsplätze verfügen über einen rückenfreundlichen Montageständer und einen Werkzeugsatz für alle anstehenden Reparaturen. Aber auch spezielle Arbeitsvorgänge wie Lagersitz fräsen, Steuersatz einpressen, Gewinde schneiden und Steuerrohr fräsen sind möglich. Das Prinzip ist einfach: Jeder darf mit seinem Rad vorbeikommen, sich in die Arbeitsliste eintragen und selbstständig am Rad loslegen. Nach einem prüfenden Blick von den Radgebern Mike, Gero, Sören, Nele oder Rüdiger darf dein Rad wieder auf die Straße. Klapprige Mühlen dürfen nicht zurück auf den Asphalt, ohne, dass die sympathischen Radgeber ihr „Go“ gegeben haben. Zu den häufigsten Pannen gehören laut Radgeber: An erster Stelle ein Platten, defektes Licht und kaputte Ketten.

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Wir stehen vor Mike, ein ziemlich lässiger Dude mit Wollmütze, Kapuzenpullover und sympathischen Lächeln, der uns durch die Werkstatt führt und bei einer Apfelsaftschorle seine Geschichte erzählt. Vor vielleicht 12 Jahren – so genau kann das kaum noch jemand sagen – schraubten die drei Freunde Mike, Ronny und Morris im Rücktritt auf dem Feinkost-Gelände, bis sie den Schleußiger Radladen „Rückenwind“ gründeten und sich von dort aus auf die Förderung des Studentenwerks für eine neue Fahrrad-Selbsthilfewerkstatt bewarben. „Dass wir das kriegen, hätten wir nie gedacht!“ Alle Blicke richten sich auf Mike. Die Radgeber-Werkstatt wird in seine Hände gelegt, denn schließlich ist er der Jüngste. Mittlerweile ist jeder der drei Geschäftsinhaber für einen eigenen Laden und hält den kleinen Haufen zusammen, wie Mike lachend erzählt. Rückenwind, Radgeber und Radschlag bilden das Trio Infernale. Die kleine Selbsthilfewerkstatt auf der Härtelstraße mit dem gemütlichen Flair, Soulmusik aus den Boxen und den vier Arbeitsplätzen wird schnell zu klein. „So ging das eben los. Bis wir schnell gemerkt haben: Wir müssen umziehen. Hier ist Alarm!“ Die direkte Nähe zur Uni Leipzig und den reparaturbedürftigen Rädern macht sich schnell bemerkbar. Das Studentenwerk zieht mit und die Radgeber-Werkstatt wandert vor vielen an Ort und Stelle, die allen vertraut ist. Bis heute finanziert sich Radgeber aus Mitteln des Studentenwerkes und den Einnahmen aus dem Ersatzteilverkauf – seit mehr als zehn Jahren besteht diese Kooperation schon. Alle Studierenden an Leipzigs Hochschulen können hier kostenlos und mit fachkundigem Rat an ihren Fahrrädern schrauben, sofern ein freier Werkstattplatz vorhanden ist. Nichtstudierende bezahlen eine Werkstattgebühr von derzeit 3 Euro pro angebrochener Stunde. Ein fairer Deal. Das finden eben auch die Studierenden und rennen der Werkstatt die Bude ein. Da die meisten von ihnen aus dem Leipziger Osten angeradelt kommen, eröffnet das Trio am 1. Juni 2018 den „Radschlag“ in Reudnitz – eine weitere Selbsthilfewerkstatt mit besonderem Fokus auf Barrierefreiheit.

Trotz der langen Zeit an der Werkbank hat Mike nie die Motivation verloren. „Ich bin gebürtiger Leipziger und immer hiergeblieben. Es gab für mich keinen Grund wegzukommen.“ Die Anfangsphase mit einem neuen Business ist hart, keine Frage. Aber die Begeisterung für Fahrrad und Menschen, kleine Tipps, die daraus resultierende Dankbarkeit und die kleinen Geschichten an der Werkbank haben es Mike angetan. Wenn nach ein paar Jahren die Wiederholungstäter dann selbst anfangen ihre Bikes zu tunen, erfüllt das seine Augen mit einem gewissen Stolz. „Es sind eben nur zwei Räder, eine Kurbel und ein Sattel. Mehr ist es nicht“, erzählt Mike. „Das kriegt jeder bei uns hin“. Die verrücktesten Geschichten könnte Mike mittlerweile in einem Buch festhalten, wobei Heike Makatsch mit ihrem spontanen Besuch ein eigenes Kapitel bekommen könnte. In der Selbsthilfewerkstatt wird es garantiert nie langweilig oder zu ruhig. Irgendwas ist immer. Wenn doch mal genügend Zeit bleibt, dann darf es zum Feierabend auch mal ein Bier oder Stück Kuchen in gemeinsamer Runde sein. Aber kein Wunder, denn es macht Spaß sich im Laden aufzuhalten, die fleißigen Tüftler zu beobachten und sich die neuesten Tricks beibringen zu lassen. Das Einzige, was Mike jetzt noch fehlt, wenn er einen Wunsch frei hätte: „Als früherer BMX-Radfahrer würde ich mir tatsächlich auf den Radwegen kleine Rampen und Wellen wünschen. Dann wäre ich morgens auch auf dem Weg auf Arbeit schnell wach!“ Falls doch mal was schief geht, hilft dann der Radgeber weiter.

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Radgeber - Die Fahrrad Selbsthilfe Werkstatt
http://www.radgeber-leipzig.de/
Leplaystraße 5, 04103 Leipzig
Montag bis Freitag 10-19 Uhr
Tel: 0341 2199149

RadladenRobert Strehler